Methodik
Wie ein Orientierungspapier entsteht und wofür es steht.
Ein Orientierungspapier beantwortet eine einzelne Praxisfrage zum Einsatz digitaler und KI-gestützter Werkzeuge. Diese Seite erklärt Aufbau, Produktionskette und die Regeln, nach denen wir Empfehlungen begründen und pflegen.
Einordnung
Wovon sich ein Orientierungspapier unterscheidet
Ein Orientierungspapier beantwortet eine einzelne, klar begrenzte Praxisfrage zum Einsatz eines digitalen oder KI-gestützten Werkzeugs. Es richtet sich an Ärztinnen und Ärzte, folgt einer festen Struktur aus achtzehn Abschnitten und wird nach der Veröffentlichung regelmäßig überprüft.
Eine S-Leitlinie entsteht in einem mehrjährigen, konsensbasierten Verfahren der AWMF und deckt ein gesamtes Krankheitsbild ab. Ein Orientierungspapier beantwortet eine engere Frage in kürzerer Zeit, verweist auf bestehende Leitlinien und tritt zurück, sobald eine Fachgesellschaft das Thema konsolidiert hat.
Ein Kommentar oder Meinungsbeitrag folgt keiner festen Struktur und keiner festen Prüfung. Ein Orientierungspapier durchläuft vor der Veröffentlichung eine fachärztliche Prüfung, trägt drei ausgeschriebene Stärkegrade, eine vollständige Interessenerklärung aller Mitwirkenden und einen mitveröffentlichten Red-Team-Kommentar.
Das Format
Sieben Merkmale eines Orientierungspapiers
Jedes Merkmal ist auf jeder Papierseite sichtbar und Teil der festen Struktur.
Versioniert und datiert
Version, Veröffentlichungsdatum und nächstes Prüfdatum stehen im Kopf jedes Papiers. Ältere Fassungen bleiben zitierbar.
Wissen, Vermuten, Nichtwissen
Drei Spalten trennen belegtes Wissen von Vermutung und benennen offene Fragen. Diese Trennung ist der methodische Kern.
Drei Stärkegrade
Wir empfehlen. Wir empfehlen mit Vorbehalt. Wir raten ab. Jede Empfehlung trägt genau einen der drei Grade und ist begründet.
Patientenversion
Eine eigenständige Fassung in einfacher Sprache erscheint gleichzeitig mit der ärztlichen Fassung.
Red Team
Eine namentlich gezeichnete Gegenlesung mit kritischer Distanz wird unverändert mitveröffentlicht.
Offengelegte Interessen
Alle Mitwirkenden erklären ihre Interessen der letzten fünf Jahre. Wer im Marktsegment des Papiers tätig ist, führt die Empfehlung nicht allein.
Öffentliches Kommentarverfahren
Approbierte Ärztinnen und Ärzte können jedes veröffentlichte Papier qualifiziert kommentieren. Jeder Kommentar erhält eine begründete Antwort.
Struktur
Der Aufbau in achtzehn Abschnitten
Jedes Orientierungspapier folgt derselben Reihenfolge von achtzehn Abschnitten, damit sich Ärztinnen und Ärzte über verschiedene Themen hinweg schnell zurechtfinden.
- Kurzfassung, Zielgruppe und Anwendungsbereich: worum es geht, für wen und was aus- und eingeschlossen ist.
- Ausgangslage: die Praxisfrage im Versorgungskontext.
- Evidenz in drei Spalten mit einem eigenen Abschnitt zu Kontroversen und dem Bezug zu den drei FDAM-Maßstäben.
- Empfehlungen: jede mit genau einem der drei Stärkegrade und einer Begründung.
- Risiko-Nutzen-Abwägung sowie rechtlicher und ethischer Rahmen, endend mit der Feststellung der Grenze der Aussagekraft.
- Schnittstellen zu Leitlinien und anderen Orientierungspapieren, danach eine Praxis-Checkliste für vor, während und nach dem Einsatz.
- Patientenversion, Quellen mit Verifikationsstatus und die Interessenerklärungen aller Mitwirkenden.
- Red-Team-Kommentar, Versionsgeschichte und ein Abschnitt für Rückmeldungen.
Jeder Abschnitt hat in jedem Papier denselben Platz. Wer ein Papier zum zweiten Mal liest, findet die Empfehlungen immer an derselben Stelle.
So sieht Evidenz-Ehrlichkeit in der Praxis aus
Ein Beispiel aus dem in Bearbeitung befindlichen Papier zur KI-gestützten Differenzialdiagnose.
Was wir wissen
Empirisch konsolidiert.
Untersuchungen zu KI-gestützten Differenzialdiagnose-Werkzeugen wie Med-PaLM und AMIE zeigen eine substanzielle Trefferquote bei komplexen Fallvignetten, mit wachsender Evidenz aus den Jahren 2024 und 2025.
Was wir vermuten
Plausibel, noch nicht gesichert.
Ob sich diese Trefferquoten im unausgewählten klinischen Alltag außerhalb kuratierter Fallvignetten in ähnlicher Höhe reproduzieren, ist plausibel, aber bislang nicht in ausreichend großen Praxisstudien belegt.
Was wir nicht wissen
Offen. Wird beobachtet.
Wie stark die Werkzeuge bei unterrepräsentierten Patientengruppen und seltenen Konstellationen tatsächlich abweichen, ist bislang nicht systematisch untersucht.
Drei Stärkegrade, immer ausgeschrieben. Andere Abstufungen gibt es nicht.
Empfehlungen
Was die drei Stärkegrade für die Praxis bedeuten
Wir empfehlen
Die Evidenzlage ist tragfähig: ein systematisches Review, mehrere übereinstimmende Studien oder eine eindeutige regulatorische Einordnung. Die Empfehlung ist im Alltag ohne Vorbehalt umsetzbar.
Wir empfehlen mit Vorbehalt
Die Evidenz stützt die Richtung, ist aber schmal, uneinheitlich oder noch nicht repliziert. Die Empfehlung verlangt ärztliche Abwägung im Einzelfall.
Wir raten ab
Die Evidenz zeigt negative Effekte, oder die Unsicherheit ist so groß, dass der erwartbare Schaden den Nutzen übersteigt.
Produktionskette
Wie ein Papier entsteht
Fünf KI-gestützte Vorstufen, vier menschliche Produktionsstufen. Jeder Schritt ist protokolliert.
Stufen 1 bis 5
Recherche und Entwurf
Themeneingrenzung, systematische Literatursuche mit Verifikation jeder Quelle, Evidenz-Dreiteilung, Empfehlungsentwurf und Umwandlung in die achtzehn Abschnitte.
Redaktion
Stufe A
Ärztliche Redaktion
Hauptautor:in und Ko-Autor:innen prüfen Substanz, Quellenbelege und Sprache und klären offene rechtliche Formulierungen.
Autor:innen
Stufe B
Review und fachärztliche Prüfung
Externe Reviewer:innen aus dem Review-Pool lesen gegen. Mindestens eine Fachärztin oder ein Facharzt des betroffenen Gebiets prüft die klinischen Inhalte, Beschluss der Mitgliederversammlung vom 14. Juli 2026.
Review-Pool
Stufe C
Red Team
Eine benannte Person mit kritischer Distanz zur Position des Papiers sucht gezielt nach Schwächen. Ihr Kommentar wird unverändert mitveröffentlicht.
Red Team
Stufe D
Freigabe
Das Editorial Board prüft gegen eine feste Checkliste und gibt frei. Der Vorstand prüft anschließend die Vereinbarkeit mit Satzung und Governance.
Editorial Board
Nach der Veröffentlichung
Prüfrhythmus, Kommentare und Verantwortung
Prüfrhythmus
Jedes Papier erhält bei der Freigabe eine Feldklasse. Klasse A, hochdynamisch, wird nach sechs Monaten pflichtüberprüft und nach neun Monaten ohne bestätigte Überprüfung als veraltet markiert. Klasse B, der Standardfall, nach zwölf beziehungsweise fünfzehn Monaten. Klasse C, stabil, nach achtzehn beziehungsweise vierundzwanzig Monaten.
Zusätzlich prüfen wir die Literatur alle drei Monate und zeigen das Datum als Kennzeichnung „Literatur geprüft bis“ im Kopf jedes Papiers. Der öffentliche Status ist einer von sechs: Aktuell, Vorabversion, In Überarbeitung, Überprüfungsbedürftig, Veraltet oder Zurückgezogen.
Kommentieren
Approbierte Ärztinnen und Ärzte können ein veröffentlichtes Papier qualifiziert kommentieren: mit mindestens einer Quelle, einer Kategorie und einer offengelegten Interessenerklärung. Jeder qualifizierte Kommentar erhält innerhalb von neunzig Tagen eines von drei Ergebnissen: Beigabe, Update-Trigger oder Ablehnung mit Begründung. Eine stille Ablehnung gibt es nicht.
Patientenversion
Jedes Papier erscheint gleichzeitig mit einer eigenständigen Patientenversion in einfacher Sprache. Sie ist eine eigene Fassung derselben Evidenz und widerspricht der ärztlichen Fassung nie.
KI-Einsatz und Verantwortung
KI-Systeme unterstützen Recherche, Evidenz-Synthese und den ersten Entwurf jedes Papiers. Modell, Version und eingesetzte Schritte werden dokumentiert. Jeder Text wird von einer namentlich genannten Ärztin oder einem namentlich genannten Arzt geprüft und freigegeben, bevor er veröffentlicht wird. Die inhaltliche und rechtliche Verantwortung liegt bei den Autor:innen und beim Editorial Board.
Häufige Fragen von Ärztinnen und Ärzten
- Ist das eine Leitlinie?
Nein. Ein Orientierungspapier ersetzt keine S-Leitlinie der AWMF. Es beantwortet eine engere Praxisfrage schneller und verweist auf bestehende Leitlinien, wo sie existieren.
- Wer haftet, wenn ich mich auf ein Orientierungspapier stütze?
Ein Orientierungspapier gibt medizinisch-praktische Orientierung, keine Rechtsberatung. Die rechtliche Einordnung einer konkreten Anwendung erfordert eine anwaltliche Einzelfallprüfung. Die Verantwortung für die Behandlungsentscheidung liegt bei Ihnen.
- Wie aktuell ist ein Papier?
Wir prüfen die Literatur alle drei Monate und zeigen das Datum im Kopf jedes Papiers. Je nach Feldklasse folgt spätestens nach sechs bis achtzehn Monaten eine Pflichtüberprüfung durch das Editorial Board.
- Wer schreibt die Papiere?
Ärztinnen und Ärzte verschiedener Fachrichtungen, unterstützt durch KI-gestützte Recherche. Hauptautorenschaft und Freigabe der Empfehlungen liegen bei Personen ohne finanzielles Interesse im Marktsegment des Papiers.
- Wie werden Interessen behandelt?
Alle Mitwirkenden erklären ihre Interessen der letzten fünf Jahre öffentlich. Das vollständige Register führen wir auf der Seite Transparenz und Interessen.
- Kann ich ein Papier kommentieren?
Ja. Approbierte Ärztinnen und Ärzte können jedes veröffentlichte Papier qualifiziert kommentieren, mit mindestens einer Quelle und einer offengelegten Interessenerklärung. Jeder Kommentar erhält innerhalb von neunzig Tagen eine begründete Antwort.
- Kann ich ein Papier zitieren? Gibt es eine DOI?
Ja. Jedes Papier erhält eine DOI und einen Zitationsvorschlag im letzten Abschnitt. Ältere Versionen bleiben unter einem eigenen Permalink erreichbar und zitierbar.
- Wie unterscheidet sich das von Herstellerinformationen?
Wir nehmen für kein Papier Geld von Unternehmen, die in seinem Markt tätig sind. Alle Autor:innen und ihre Interessen sind namentlich genannt, und ein Red Team veröffentlicht eine unabhängige Gegenkritik. Herstellerinformationen durchlaufen dieses Verfahren nicht.
Zu einem Papier Stellung nehmen.
Wer regelmäßig fundiert kommentiert, findet oft den Weg in den Review-Pool oder in die Autorenschaft.